Blog | gerne lernen | Mag. Gerda Neumann
Mein Kind liest gut, schreibt aber schlecht
Ist das dann überhaupt LRS?
Ja, das gibt es wirklich, und es hat sogar einen eigenen Namen.
„Mein Kind liest eigentlich ganz gut, flüssig, mit Verständnis, ohne große Schwierigkeiten. Aber sobald es etwas schreiben soll, häufen sich die Fehler. Kann das überhaupt LRS sein, wenn das Lesen doch funktioniert?“ Diese Frage höre ich in meiner Praxis sehr häufig, und sie ist völlig berechtigt.
Viele Eltern verbinden LRS automatisch mit Schwierigkeiten in beiden Bereichen, Lesen und Schreiben gemeinsam. Tatsächlich gibt es aber ein eigenständiges Störungsbild, bei dem ausschließlich das Schreiben betroffen ist, während das Lesen weitgehend unauffällig bleibt. Dieses Störungsbild ist in den internationalen Diagnosesystemen sogar gesondert klassifiziert.
In diesem Artikel erkläre ich Ihnen, was es mit der isolierten Rechtschreibstörung auf sich hat, warum sie häufiger vorkommt, als viele denken, und warum sie oft erst spät erkannt wird.
Zwei verschiedene Störungsbilder nach ICD-10 und ICD-11
In unserer Praxis diagnostizieren wir nach ICD-10 bzw. ICD-11. Dabei wird klar zwischen verschiedenen Formen schulischer Entwicklungsstörungen im Bereich der Schriftsprache unterschieden:
- F81.0, Lese- und Rechtschreibstörung: Sowohl das Lesen als auch das Schreiben sind deutlich beeinträchtigt. Das ist die häufigste Form und entspricht dem, was die meisten Menschen unter „Legasthenie“ verstehen.
- F81.1, Isolierte Rechtschreibstörung: Hier ist ausschließlich das Rechtschreiben betroffen. Die Lesefähigkeit liegt im Normbereich.
Das bedeutet: Ja, Ihr Kind kann eine ernstzunehmende, diagnostizierbare Störung haben, auch wenn es gut liest. Die isolierte Rechtschreibstörung ist ein eigenständiges, anerkanntes Störungsbild, keine „abgeschwächte“ oder „weniger schlimme“ LRS.
Die beiden Störungsbilder im Vergleich
| Merkmal | F81.0 (Lese- & Rechtschreibstörung) | F81.1 (Isolierte Rechtschreibstörung) |
|---|---|---|
| Lesen | Deutlich beeinträchtigt | Im Normbereich |
| Rechtschreiben | Deutlich beeinträchtigt | Deutlich beeinträchtigt |
| Häufigkeit | Sehr häufig | Verbreiteter als isolierte Lesestörung |
| Typisches Erkennen | Oft früh, da Lesen sichtbar betroffen ist | Oft später, da Lesen unauffällig wirkt |
🔬 Was die Forschung dazu sagt
Aktuelle Forschungsarbeiten zeigen, dass die isolierte Rechtschreibstörung und die kombinierte Lese-Rechtschreibstörung mit unterschiedlichen Schwierigkeiten im Arbeitsgedächtnis einhergehen. Beide Störungsbilder können zwar gemeinsam auftreten, hängen aber nicht zwingend zusammen. Auch in der überarbeiteten ICD-11 wurde die Kategorie der Rechtschreibstörung als eigenständige Form des schriftsprachlichen Ausdrucks weiter präzisiert.
Schulte-Körne, G. (2017). Lese- und/oder Rechtschreibstörung: Symptomatik, Diagnostik und Behandlung. Monatsschrift Kinderheilkunde, 165, 476–481.
Warum kann das Lesen gut funktionieren, das Schreiben aber nicht?
Das mag zunächst widersprüchlich klingen, ist aus neuropsychologischer Sicht aber gut erklärbar. Lesen und Schreiben sind zwei unterschiedliche kognitive Prozesse, die zwar eng zusammenhängen, aber nicht identisch sind:
- Beim Lesen muss ein Kind ein Wortbild oder eine Lautfolge wiedererkennen. Das Gehirn kann sich dabei auf Kontext, Bekanntheit des Wortes und teilweises Raten stützen.
- Beim Schreiben muss das Kind die korrekte Buchstabenfolge aktiv aus dem Gedächtnis abrufen und motorisch umsetzen, ohne eine Vorlage, an der es sich orientieren kann. Dieser Abrufprozess ist deutlich anspruchsvoller als die Wiedererkennung beim Lesen.
Manche Kinder entwickeln ein gutes visuelles Wortgedächtnis, das ihnen das Lesen erleichtert, ohne dass dieses Gedächtnis ausreicht, um beim Schreiben präzise auf die korrekte Buchstabenfolge zuzugreifen. Andere Kinder kompensieren Leseschwierigkeiten früh durch viel Übung oder Vorlesen zuhause, während das Schreiben weniger im Fokus stand und sich die Schwierigkeiten dort stärker zeigen.
💡 Ein Vergleich zum besseren Verständnis
Stellen Sie sich vor, Sie erkennen das Gesicht eines Bekannten sofort wieder, wenn Sie es sehen, könnten es aber nicht aus dem Gedächtnis zeichnen. Wiedererkennen und aktives Reproduzieren sind zwei unterschiedliche Fähigkeiten. Genauso verhält es sich oft mit Lesen und Schreiben bei der isolierten Rechtschreibstörung.
Warum die isolierte Rechtschreibstörung oft spät auffällt
Kinder mit isolierter Rechtschreibstörung werden in der Schule oft erst später auffällig als Kinder mit kombinierter LRS. Dafür gibt es mehrere Gründe:
- In den ersten Schuljahren liegt der Fokus oft stärker auf dem Lesenlernen, sodass eine gute Leseleistung als „Alles in Ordnung“ interpretiert wird.
- Rechtschreibfehler werden in der Volksschule häufig noch nachsichtig bewertet und führen erst in höheren Klassen zu spürbaren Notenproblemen.
- Lehrkräfte und Eltern verbinden „Legasthenie“ oft automatisch mit Leseschwierigkeiten und denken bei einem guten Leser nicht zwangsläufig an eine mögliche LRS-Diagnostik.
Das ist genau der Grund, warum dieser Artikel so wichtig ist: Ein gutes Lesevermögen schließt eine ernstzunehmende Rechtschreibstörung keineswegs aus.
✅ Was für eine isolierte Rechtschreibstörung sprechen kann
Ihr Kind liest flüssig und mit gutem Verständnis, macht aber regelmäßig Fehler beim Schreiben, auch bei Wörtern, die es eigentlich kennt. Es kann Wörter im Lesetext problemlos erkennen, aber dieselben Wörter nicht korrekt aus dem Gedächtnis schreiben. Die Fehler treten konstant über längere Zeit auf und verbessern sich trotz Übung kaum.
Wie wird die isolierte Rechtschreibstörung diagnostiziert?
Die Diagnostik folgt denselben sorgfältigen Standards wie bei der kombinierten Lese-Rechtschreibstörung:
- Standardisierter Rechtschreibtest: zur objektiven Erfassung der Schreibleistung im Vergleich zur Altersnorm
- Standardisierter Lesetest: zum Nachweis, dass die Leseleistung tatsächlich im Normbereich liegt
- Intelligenztest: um die Leistung in Bezug zur kognitiven Fähigkeit des Kindes zu setzen, wie bei der Diagnostik nach ICD-10/ICD-11 üblich
- Ausschlussdiagnostik: um andere Ursachen wie unzureichende Beschulung, Seh- oder Hörprobleme auszuschließen
Nur eine vollständige Testung kann zuverlässig zeigen, ob tatsächlich eine isolierte Rechtschreibstörung vorliegt, und diese von vorübergehenden, übungsbedingten Schwierigkeiten unterscheiden.
Was diese Diagnose für die Förderung bedeutet
Die gute Nachricht: Die Förderprinzipien, die bei kombinierter LRS wirksam sind, helfen auch bei der isolierten Rechtschreibstörung, oft mit einem etwas anderen Schwerpunkt. Da das Lesen bereits gut funktioniert, kann die Förderung gezielter auf den aktiven Abruf von Schreibweisen, die Automatisierung von Wortbildern und gezieltes Rechtschreibtraining ausgerichtet werden, ohne dass parallel an grundlegenden Lesefähigkeiten gearbeitet werden muss.
Wichtig ist trotzdem: Auch bei isolierter Rechtschreibstörung gilt, dass bloßes Mehr-Üben oder Abschreiben selten ausreicht. Es braucht gezielte, phonologisch fundierte Methoden, die den aktiven Abruf trainieren, nicht das passive Wiedererkennen.
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Fazit: Gutes Lesen schließt eine Rechtschreibstörung nicht aus
Wenn Ihr Kind gut liest, aber regelmäßig und auffallend viele Fehler beim Schreiben macht, ist das kein Widerspruch und auch kein Grund zur Entwarnung. Die isolierte Rechtschreibstörung ist nach ICD-10 und ICD-11 ein eigenständiges, anerkanntes Störungsbild, das ebenso ernst genommen und gezielt gefördert werden sollte wie die kombinierte Lese-Rechtschreibstörung.
Gerade weil das Lesen oft als Indikator für „Alles in Ordnung“ missverstanden wird, bleibt diese Störung häufig länger unentdeckt, mit entsprechenden Folgen für das Selbstvertrauen des Kindes. Eine frühzeitige, vollständige Diagnostik schafft hier Klarheit.
Sie möchten wissen, ob bei Ihrem Kind eine isolierte oder kombinierte Rechtschreibstörung vorliegt? Laden Sie die Checkliste herunter oder vereinbaren Sie ein Erstgespräch in der Praxis „gerne lernen“.
Herzlich, Ihre
Mag. Gerda Neumann
Klinische & Gesundheitspsychologin | Lerntherapeutin | gerne-lernen.at
Quellenhinweise
Weltgesundheitsorganisation (WHO). ICD-10-GM: F81.0 Lese- und Rechtschreibstörung, F81.1 Isolierte Rechtschreibstörung.
Schulte-Körne, G. (2017). Lese- und/oder Rechtschreibstörung: Symptomatik, Diagnostik und Behandlung. Monatsschrift Kinderheilkunde, 165, 476–481.
Galuschka, K. & Schulte-Körne, G. (2016). Diagnostik und Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Lese- und/oder Rechtschreibstörung. Deutsches Ärzteblatt International, 113, 279–286.
Schulte-Körne, G. (2024). Verpasste Chancen: Die neuen diagnostischen Leitlinien zur Lese-, Rechtschreib- und Rechenstörung der ICD-11. Zeitschrift für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie.