Kann LRS von selbst verschwinden?
Oder bleibt sie ein Leben lang? Was Eltern wissen sollten
Eine ehrliche Antwort auf die Frage, die sehr viele Eltern stellen.
Fast jede Mutter und jeder Vater, deren Kind eine Lese-Rechtschreib-Störung hat, fragt sich irgendwann: „Wird das besser? Wächst sich das aus? Oder bleibt mein Kind sein ganzes Leben lang damit kämpfen?“ Diese Frage ist zutiefst menschlich. Und sie verdient eine ehrliche, wissenschaftlich fundierte Antwort, keine falsche Beruhigung, aber auch keine unnötige Angst.
Die kurze Antwort lautet: LRS verschwindet nicht von selbst. Die etwas längere, und eigentlich wichtigere Antwort lautet: Mit gezielter Förderung können Kinder mit LRS große Fortschritte machen, und viele Erwachsene mit Legasthenie führen ein erfolgreiches, selbstbestimmtes Leben.
Was genau das bedeutet und was Sie als Elternteil jetzt wissen sollten, erkläre ich Ihnen in diesem Artikel.
Was LRS neurobiologisch bedeutet
Legasthenie bzw. LRS sind keine Faulheit, keine Unkonzentriertheit und kein Erziehungsfehler. Sie sind neurologische Entwicklungsstörungen mit einer klaren biologischen Grundlage.
Bildgebende Studien mit MRT haben gezeigt, dass bei Menschen mit Legasthenie bestimmte Gehirnbereiche, insbesondere jene, die für die Verarbeitung von Schriftsprache zuständig sind, anders aktiviert werden als bei Menschen ohne diese Störung. Gleichzeitig gibt es strukturelle Veränderungen im visuellen Thalamus, der eine wichtige Rolle bei der Verarbeitung von Buchstaben und Lauten spielt.
Dazu kommt eine starke genetische Komponente: Kinder von Eltern mit Legasthenie haben ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst betroffen zu sein. Das ist keine Schicksalsfrage, aber es zeigt: LRS entsteht nicht durch äußere Umstände allein.
🧠 Was die Neurowissenschaft zeigt
Neurowissenschaftliche Studien belegen, dass Legasthenie mit Veränderungen in der Funktion und Struktur sprachrelevanter Hirnareale einhergeht. Insbesondere die Verbindung zwischen dem visuellen Thalamus und den kortikalen Sprachzentren ist bei Betroffenen nachweisbar anders organisiert.
Verschwindet LRS von selbst?
Nein. Das ist die klare Aussage der Forschung. Eine diagnostizierte Lese-Rechtschreib-Störung wächst sich nicht aus. Kinder, die ohne gezielte Förderung aufwachsen, haben als Erwachsene nach wie vor Schwierigkeiten mit Lesen und Schreiben, auch wenn diese im Alltag manchmal weniger auffallen.
Was sich verändert, ist nicht die Ursache, sondern der Umgang damit. Mit der Zeit entwickeln viele Menschen mit Legasthenie Kompensationsstrategien: Sie nutzen Rechtschreibprogramme, vermeiden bestimmte Situationen oder haben gelernt, mit ihren Schwierigkeiten umzugehen. Das sieht von außen manchmal so aus, als wäre das Problem verschwunden. Aber der neurologische Unterschied bleibt.
💡 Der Unterschied zwischen „verschwinden“ und „kompensieren“
Wenn ein Erwachsener mit Legasthenie im Alltag kaum auffällt, bedeutet das nicht, dass die LRS weg ist. Es bedeutet, dass er oder sie gelernt hat, damit umzugehen. Das ist ein wichtiger Unterschied, denn Kompensation kostet kognitive Energie. Viele Betroffene berichten, dass sie sich beim Lesen und Schreiben bis ins Erwachsenenalter stärker anstrengen müssen als andere.
Wie LRS sich im Laufe des Lebens verändert
Auch wenn LRS nicht verschwindet, verändert sich das Bild im Laufe der Jahre. Die folgende Übersicht gibt einen Eindruck vom typischen Verlauf:
| Lebensphase | Typisches Bild |
|---|---|
| Grundschule (6–10 J.) | Schwierigkeiten deutlich sichtbar; Lesen und Schreiben kosten viel Kraft |
| Unterstufe / Mittelschule (11–14 J.) | Häufig Kompensationsstrategien; Lesen oft besser als Schreiben |
| Oberstufe / Matura | Viele Betroffene kompensieren gut; Rechtschreibprobleme bleiben oft bestehen |
| Erwachsenenalter | LRS bleibt neurobiologisch bestehen; Alltag meistens gut bewältigbar |
Die gute Nachricht: Das Gehirn ist lernfähig
Auch wenn LRS neurologisch bestehen bleibt, ist das keine Sackgasse. Das Gehirn ist, besonders im Kindesalter, bemerkenswert plastisch. Das bedeutet: Es kann neue neuronale Verbindungen aufbauen und alternative Verarbeitungswege entwickeln.
Gezielte lerntherapeutische Förderung nutzt genau diese Fähigkeit. Sie trainiert jene kognitiven Prozesse, die bei LRS schwächer ausgeprägt sind, und hilft dem Gehirn, effizientere Wege im Umgang mit Schriftsprache zu etablieren.
📚 Was Metaanalysen belegen
Strukturierte, phonologisch basierte Interventionen zeigen in Metaanalysen signifikante und nachhaltige Verbesserungen bei Kindern mit LRS, auch wenn die Grundstörung bestehen bleibt. Studien zeigen zudem, dass positive Effekte gezielter Förderung noch Monate nach dem Training messbar sind.
Galuschka, K., et al. (2020). Effectiveness of spelling interventions for learners with dyslexia: A meta-analysis and systematic review. | Universität Haifa / CogniFit-Studie (2023).
Was den Verlauf positiv beeinflusst
Ob und wie stark sich LRS auf das Leben eines Kindes auswirkt, hängt von mehreren Faktoren ab:
- Frühzeitige Diagnose: Je früher eine LRS erkannt wird, desto früher kann gezielte Förderung beginnen. Das Gehirn ist im Grundschulalter besonders aufnahmefähig.
- Strukturierte, intensive Förderung: Regelmäßige lerntherapeutische Begleitung mit evidenzbasierten Methoden und symptomorientierten Ansatz macht den größten Unterschied im Verlauf.
- Emotionale Sicherheit: Kinder, die trotz ihrer Schwäche ein starkes Selbstbild entwickeln, meistern LRS langfristig besser. Das Umfeld spielt hier eine entscheidende Rolle.
- Unterstützung in der Schule: Ausgleichende Maßnahmen und Hilfestellungen (wie in Österreich rechtlich vorgesehen) schützen das Kind vor unnötigem Leistungsdruck.
- Realistische Erwartungen: Eltern, die verstehen, dass Fortschritt möglich, aber Zeit braucht, unterstützen ihr Kind wirksamer als jene, die schnelle Wunder erwarten.
✨ LRS und Erfolg schließen sich nicht aus
Viele bekannte Persönlichkeiten haben Legasthenie und trotzdem bemerkenswerte Karrieren gemacht: von Politikerinnen und Politikern über Unternehmer bis hin zu Künstlerinnen und Wissenschaftlern. LRS bedeutet nicht, dass ein Kind weniger intelligent ist oder weniger leisten kann. Es bedeutet, dass es auf einem bestimmten Gebiet besondere Unterstützung braucht.
Das Gehirn von Menschen mit Legasthenie ist oft in anderen Bereichen besonders stark: räumliches Denken, kreatives Problemlösen, großes Ganzheitsvermögen. Diese Stärken gilt es zu sehen und zu fördern.
Was Sie als Elternteil jetzt tun können
- Keine Zeit verlieren: Je früher mit gezielter Förderung begonnen wird, desto besser. Warten in der Hoffnung, dass es sich „auswächst“, kostet wertvolle Zeit.
- Diagnose einholen: Eine klinisch-psychologische Abklärung gibt Klarheit und ist die Grundlage für schulische Unterstützungsmaßnahmen.
- Das Kind stärken, nicht nur fördern: Selbstvertrauen ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren bei LRS. Feiern Sie die Stärken Ihres Kindes, nicht nur die Fortschritte im Diktat.
- Sich selbst informieren: Das hier zu lesen ist ein guter erster Schritt. Je besser Sie verstehen, was hinter LRS steckt, desto sicherer können Sie Ihr Kind begleiten.
- Professionelle Begleitung suchen: Lerntherapie, ausgleichende Maßnahmen in der Schule und ein offenes Gespräch mit der Lehrkraft bilden ein starkes Unterstützungsnetz.
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Fazit: LRS endet nicht, aber sie muss nicht bestimmen
LRS verschwindet nicht von selbst. Das ist die wissenschaftliche Wahrheit. Aber es ist nicht die ganze Wahrheit. Denn mit frühzeitiger Diagnose, gezielter Förderung und einem liebevollen Umfeld können Kinder mit LRS großartige Fortschritte machen und ein selbstbestimmtes, erfolgreiches Leben führen.
Die Frage ist nicht: „Wird LRS verschwinden?“ Die bessere Frage ist: „Wie gebe ich meinem Kind das beste Rüstzeug, um damit umzugehen?“ Und die Antwort darauf liegt zu einem guten Teil in Ihren Händen.
Sie möchten wissen, wo Sie am besten anfangen? Laden Sie die Checkliste herunter oder nehmen Sie Kontakt zur Praxis „gerne lernen“ auf.
Herzlich, Ihre
Mag. Gerda Neumann
Klinische & Gesundheitspsychologin | Lerntherapeutin | gerne-lernen.at
Quellenhinweise
Galuschka, K., Görgen, R., Kalmar, J., Haberstroh, S., Schmalz, X. & Schulte-Körne, G. (2020). Effectiveness of spelling interventions for learners with dyslexia: A meta-analysis and systematic review. Educational Psychologist, 55(1), 1–20.
Schulte-Körne, G. (2021). Lese-/Rechtschreibstörung: Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit LRS wirksam unterstützen und fördern. Kohlhammer.
Snowling, M. J. (2000). Dyslexia (2nd ed.). Blackwell Publishing.
Universität Haifa / CogniFit (2023). Zusammenhang zwischen kognitiven Fähigkeiten und Legasthenie. Studie veröffentlicht über CogniFit Research.

