„Noch mal abschreiben!“ – Warum das oft mehr schadet als nützt

 

Kennen Sie das? Ihr Kind macht im Diktat oder bei den Schularbeiten wieder dieselben Fehler wie das letzte Mal. Die Hausaufgaben-Routine ist zermürbend, der Geduldsfaden dünn – und irgendwann sagen Sie: „Dann schreib es eben noch fünfmal ab, bis du es dir endlich gemerkt hast!“ Das ist verständlich. Es ist menschlich. Und es ist vor allem eines: gut gemeint.

Doch was, wenn genau diese Methode – das klassische Abschreiben – bei Kindern mit Rechtschreibschwierigkeiten nicht nur wenig bringt, sondern im schlimmsten Fall sogar kontraproduktiv ist?

Als klinische Psychologin und Lerntherapeutin erlebe ich in der Praxis regelmäßig, wie Eltern und Kinder in einer Art Übungs-Hamsterrad feststecken: viel Mühe, wenig Fortschritt, viel Frust. In diesem Artikel erkläre ich Ihnen, was hinter dem Abschreib-Reflex steckt, warum er neuropsychologisch gesehen zu kurz greift – und welche Alternativen wirklich helfen.

 

Warum das Abschreiben so naheliegend erscheint

Die Idee, durch Wiederholung zu lernen, ist tief in unserer Bildungskultur verwurzelt. „Übung macht den Meister“ – das gilt für das Klavierspiel, für Sportarten, für das Einmaleins. Warum also nicht auch für die Rechtschreibung?

Beim Abschreiben hat man zudem das beruhigende Gefühl, dass „etwas getan wird“. Das Kind schreibt, das Wort entsteht auf dem Papier, es sieht richtig aus. Der Aufwand ist sichtbar. Das fühlt sich nach Lernen an.

Doch hier liegt das entscheidende Missverständnis.

 

Was beim Abschreiben im Gehirn wirklich passiert

Rechtschreibung ist eine komplexe kognitive Leistung. Um ein Wort korrekt zu schreiben, muss das Gehirn mehrere Informationen gleichzeitig verarbeiten und abspeichern:

  • die visuelle Form des Wortes (Wortbild; das sogenannte orthografische Lexikon)
  • die lautliche Struktur (Phonem-Graphem-Korrespondenz)
  • den motorischen Ablauf der Buchstabenfolge
  • grammatikalische und morphologische Regeln

 

Wenn ein Kind ein Wort abschreibt, nutzt es primär einen einzigen dieser Kanäle: Es überträgt, was es vor sich sieht. Das Gehirn muss das Wort dabei nicht aktiv abrufen, nicht konstruieren, nicht aus dem Gedächtnis erzeugen. Es kopiert.

🧠  Neuropsychologischer Hintergrund

Lernen entsteht, wenn das Gehirn aktiv eine Gedächtnisspur (Engramm) aufbaut. Das geschieht vor allem durch sogenannte Abrufprozesse – also wenn wir versuchen, uns etwas zu erinnern, ohne die Antwort direkt vor Augen zu haben. Die Lernforschung nennt dieses Prinzip „Testing Effect“ oder „Retrieval Practice“ (Roediger & Karpicke, 2006): Das aktive Erinnern stärkt die neuronalen Verbindungen weit stärker als bloßes Wiederlesen oder Abschreiben.

Beim Abschreiben bleibt dieser entscheidende Abrufprozess aus.

 

Besonders problematisch: Kinder mit LRS oder Legasthenie

Für Kinder ohne Rechtschreibschwierigkeiten ist Abschreiben zwar keine effektive Lernmethode – aber es schadet auch nicht wesentlich. Bei Kindern mit einer Lese-Rechtschreib-Schwäche (LRS) oder Legasthenie ist die Situation jedoch anders.

Hier sind die häufigsten Probleme:

 

  1. Das visuelle Gedächtnis für Wörter ist beeinträchtigt

Viele Kinder mit Legasthenie haben Schwierigkeiten, sich die visuelle Gestalt von Wörtern einzuprägen – das sogenannte orthografische Wortbild. Beim Abschreiben verlassen sie sich genau auf dieses System. Das Ergebnis: Sie schreiben das Wort zwar zehnmal korrekt ab, weil das Original direkt daneben liegt – aber beim nächsten Diktat ist das Wort wieder weg.

  1. Fehler werden motorisch eingeschliffen

Besonders kritisch wird es, wenn Kinder abschreiben und dabei trotzdem Fehler machen – was bei LRS häufig vorkommt. Das Gehirn trainiert in diesem Moment die falsche Schreibweise. Der motorische Ablauf „B-e-r-k“ statt „B-e-r-g“ wird durch Wiederholung stabilisiert, nicht korrigiert.

  1. Die emotionale Belastung steigt

Kinder mit Rechtschreibschwierigkeiten sind in der Regel nicht faul. Sie kämpfen täglich mit einer Aufgabe, die anderen leichtzufallen scheint. Abschreiben als Strafe oder als immer wiederkehrende Routine sendet die implizite Botschaft: „Du musst nur mehr tun, dann klappt es.“ Wenn der Erfolg trotzdem ausbleibt, führt das zu Scham, Hilflosigkeit und in vielen Fällen zu einer echten Schulangst.

 

📚  Was die Forschung sagt

Studien zur Lernwirksamkeit verschiedener Übungsmethoden zeigen konsistent: Aktive Abrufstrategien, verteiltes Üben (spaced practice) und multimodales Lernen – also das gleichzeitige Ansprechen mehrerer Sinneskanäle – sind dem reinen Abschreiben deutlich überlegen (Shaywitz & Shaywitz, 2005; Schneider & Berger, 2014). Insbesondere für Kinder mit phonologischen Verarbeitungsschwächen, wie sie für Legasthenie typisch sind, braucht es Methoden, die gezielt die lautliche Analyse und die Verknüpfung von Laut und Buchstabe trainieren.

 

Was stattdessen wirklich helfen kann

Gute Neuigkeit: Es gibt wirksame Alternativen, die Sie als Elternteil auch zuhause einsetzen können – ohne stundenlange Übungseinheiten.

✅ Aktives Erinnern statt passives Abschreiben

Zeigen Sie Ihrem Kind ein Lernwort kurz, decken Sie es ab – und lassen Sie es dann versuchen, das Wort aus dem Gedächtnis zu schreiben. Erst danach wird verglichen. Dieser kleine Unterschied macht einen großen Unterschied für das Gehirn.

✅ Sprechen, hören, schreiben – multimodal üben

Lassen Sie Ihr Kind das Wort zunächst laut und deutlich in Silben sprechen, dann auf eine Knetmasse formen, dann schreiben. Je mehr Sinne beteiligt sind, desto mehr neuronale Verbindungen entstehen.

✅ Verteiltes Üben statt Massen-Wiederholung

10 Minuten täglich sind effektiver als eine Stunde am Wochenende. Kurze, regelmäßige Übungseinheiten nutzen den sogenannten Spacing-Effekt und führen zu nachhaltigerer Speicherung.

✅ Fehlerfreies Lernen

Für Kinder mit LRS ist es besonders wichtig, dass Fehler von Anfang an vermieden werden – nicht weil Fehler schlimm sind, sondern weil sie sich motorisch und visuell einprägen können. Wählen Sie Aufgabenformate, bei denen Ihr Kind Erfolg haben kann.

 

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Fazit: Gut gemeint ist nicht gut gemacht

Das klassische Abschreiben entspringt dem aufrichtigen Wunsch, dem Kind zu helfen. Doch Hilfe muss wirksam sein, um zu helfen. Bei Kindern mit Rechtschreibschwierigkeiten braucht es Methoden, die dem Gehirn wirklich helfen, Wörter zu speichern – und das bedeutet: aktiv, multimodal, verteilt und fehlerarm.

Wenn Sie das nächste Mal den Impuls spüren, Ihr Kind „noch zehnmal abschreiben“ zu lassen, halten Sie kurz inne. Nicht weil das falsch oder lieblos wäre – sondern weil Ihr Kind und Sie beide etwas Besseres verdienen.

Sie möchten noch tiefer einsteigen? Laden Sie sich unseren Leitfaden herunter oder vereinbaren Sie ein Erstgespräch in unserer Praxis „gerne lernen“.

 

Über die Autorin

Dieser Artikel wurde verfasst von Mag. Gerda Neumann, Gründerin der Praxis „gerne lernen“, klinische Psychologin und Lerntherapeutin mit Spezialisierung auf Legasthenie, LRS und Lernblockaden bei Kindern und Jugendlichen.

 

Quellenhinweise

Roediger, H. L., & Karpicke, J. D. (2006). Test-enhanced learning: Taking memory tests improves long-term retention. Psychological Science, 17(3), 249–255.

Shaywitz, S. E., & Shaywitz, B. A. (2005). Dyslexia (specific reading disability). Biological Psychiatry, 57(11), 1301–1309.

Schneider, W., & Berger, N. (2014). Rechtschreibkompetenz und Schriftspracherwerb. In M. Hasselhorn & W. Schneider (Hrsg.), Handbuch der Bildungspsychologie. Hogrefe.

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